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Fahrt
in ein Schwabendorf Ein alter Zeitungsbericht über Wudigeß (Budakeszi) Auszug aus einem Bericht der Zeitung „Welt am Sonntag“, Nr. 35, 13. Jahrgang, vom 1. September 1935, Seite 5. Die Zeitung erschien in München. Der Verfasser des Artikels war Sonderberichterstatter Joseph Pestenhofer. Dieser Zeitungsartikel wurde von der 92-jährigen (2007) Enkelin des Befragten, Elisabeth Nerge, geb. Geiselhardt, zur Verfügung gestellt. In ihren
Familienunterlagen bewahrt Frau Elisabeth Nerge geb. Geiselhardt einen Bericht
aus der Zeitung „Welt am Sonntag“, Nr. 35, 13. Jahrgang, vom 1. September 1935,
Seite 5, auf. Die Zeitung erschien in München. Der Verfasser des Artikels war
Sonderberichterstatter Joseph Pestenhofer. Diese Reportage stellt die 92-jährige
(2007) Enkelin des Befragten zur Verfügung. Die Budakesser Geiselhardts
kamen zusammen mit vielen Familien von 1712 bis 1753 aus Oberschwaben nach
Budakeszi. Es waren sehr fleißige Menschen, die fest zusammenhielten und beglückt
durch reichen Kindersegen erstarkten die Familien von Generation zu Generation.
So zählte Frau Nerges Großvater 7 Kinder von seiner ersten Frau und zwei
Kinder von der zweiten. Die Häuser auf der rechten Seite der Friedhofsgasse
nach vorne bis zur Hauptstraße waren alle im Besitz von Geiselhardt-Familien. In Deutschland war Adolf Hitler 1933 an die Macht gekommen. Uneingeschränkt herrschte der Despot, kündigte am 16. März 1935 den Versailler Vertrag, so dass die 1919 von den Siegermächten verhängten Rüstungsbeschränkungen wegfielen, begann mit dem Aufbau einer Luftwaffe und führte die allgemeine Wehrpflicht wieder ein. Oberste Priorität hatte sein Ziel Deutschland aufzurüsten, es in eine Position der Stärke zu bringen, um das Gebiet des deutschen Reiches auszuweiten, um "Lebensraum zu schaffen" und die "notwendige Scholle für unser deutsches Volk" zu erwerben. Das Deutschtum in Ungarn wurde zum Spielball der ungarischen und der deutschen Regierung. Keinerlei politische Interessen verfolgte der Autor Pestenhofer in Budakeszi. Allein der schwäbischen Lebensart war er auf der Spur und suchte in Ungarn schwäbische Sprachinseln. Viele Schwaben waren damals verängstigt und zeigten sich als patriotische Ungarn. Bald nach dem Interview „besuchte“ die ungarische Gendarmerie Jakob Geiselhardt und befragte ihn über den Sinn und Zweck des Dialogs mit dem deutschen Reporter. Der Aufruf am Schluss des Artikels, Jakob Geiselhardt Briefe zu schreiben, war erfolgreich. Briefe kamen aus München, aus Lörrach, aus dem Luftkurort Mainhardt, der im Mainhardter Wald, etwa 16 km von der Kreisstadt Schwäbisch Hall und 32 km von Heilbronn entfernt an der Bundesstraße 14 liegt und zu einer von fünf Waldregionen des Naturparks Schwäbisch-Fränkischer Wald zählt. Andere Briefe kamen aus dem Wiesental im Südschwarzwald. Frau Nerge war bei dem Interview selbst nicht dabei. Sie war in Budapest zur Lehrerinnenausbildung in einem Mädchenpensionat. Als Kriegwaise des Ersten Weltkrieges wurde sie gefördert und gefordert, da sie über die gesamte Studienzeit ihre Begabung nachweisen musste. Der „Blondschopf“, der seinen Großvater rief, war ihr Bruder, Jakob der Dritte, wie ihn der Großvater scherzhaft nannte. Er geriet im Zweiten Weltkrieg in russische Gefangenschaft, wurde mit ungarischen Soldaten nach Ungarn entlassen, fand seine Familie, die 1946 mit dem Vierten Transport vertrieben wurde, im Elternhaus in Budakeszi nicht mehr und ging daher in die Bundesrepublik, wo er im Jahre 2000 verstarb und auf dem Friedhof in Korntal begraben wurde. Der „alte“ Zeitungsbericht jetzt im Text:
„Wenn ich Ihnen einen guten Rat geben darf, dann besuchen Sie Budakeszi, Herr Kollege, denn dort finden Sie noch unverfälschte Landsleute aus Schwaben. Sie fahren mit der Autobuslinie 5 bis zum Széna-Platz und steigen da in einen Bus der Linie 22 um. Wenden Sie sich dort an den Ortspfarrer und an den Richter, wie man hier die Bürgermeister nennt.“ Ich bedankte mich schön für den Tipp und schon war ich draußen. Den Budapester Chauffeuren im allgemeinen und denen der Autobusse muß man es lassen, daß sie tüchtige Burschen sind. Öfter wie einmal schließt man die Augen, weil man sich fürchtet, daß es im nächsten Moment Kleinholz gibt und dann und wann rufen sogar aufgeklärte Menschen ihren Schutzengel an. Ohne Vierradbremse wäre an ein solches Fahren gar nicht zu denken. Die lumpigen 13 Kilometer nach Budakeszi waren bald geschafft, denn der Fahrer der Linie 22 tat es nicht unter Vollgas. Eine endlos lange und endlos breite holprige Straße, zu deren beiden Seiten Häuser stehen, schnatternde Gänse, sonnenverbrannte Kinder und viel, sehr viel Staub, so stellte sich mir das Schwabendorf zunächst vor. Den Pfarrhof verließ ich mit einem sichtlichen Knick, denn der Pfarrer behauptete, daß nur ganz wenig Schwaben hier seien; die Mehrzahl der Bewohner wären Ungarn, Tschechen und Italiener, sagte der Pfarrer, der selbst Slowake ist. Der Bürgermeister war natürlich nicht zu Hause, und eine mitleidige Seele verriet mir die Adresse des Schuldirektors. Also, auf durch den knöcheltiefen Staub zum Heim dieses Mannes! Hier war die Enttäuschung noch ein wenig größer, denn der Herr Schuldirektor zeigte mir seine kälteste Schulter. Seine erste Frage war, ob ich deutsche Propaganda treiben wolle, und ich hörte die Besorgnis leicht heraus. Nein, das wollte ich nicht, sondern nur einige Auskünfte über das Deutschtum. Nun, die könne er mir nicht geben, denn er sei Ungar, wie er mit hörbarem Stolz verkündete. Ich hätte ihm sagen können, daß er das erst seit einigen Jahren sei, daß er früher Schwabe gewesen sei, wie so viele andere eben auch. Was für einen Sinn hätte es gehabt, mit dem Mann zu streiten? Also schön, Herr Direktor, nichts für ungut! Zum Teufel auch, sollte es denn hier wirklich keinen Menschen geben, mit dem man ein vernünftiges Garn spinnen konnte? Einen geraden Menschen, der keine Rücksichten zu nehmen brauchte? - Im Haus Nr. 149 in der Hauptstraße habe ich den Jakob Geiselhardt gefunden, den Mann, den ich gesucht. „Ähnl, gehts raus, a Bsuach aus München is da!“ Mit diesen Worten meldete mich ein junger Bursche mit blondem Schopf bei seinem Großvater an, und schon kam der Alte heraus. „Ja, jetza, wia kemma denn Sie zu mir her? So, aus München san´s? Dees g'freut mi aber scho recht! No setzen´s halt nieder, Sie müaßen müad sei! Mögen´s an Wein? An recht an guaten hätt'i!“ Nein, ich wollte keinen Wein, nur erzählen sollte er mir von Budakeszi, von den Schwaben und von sich selbst. Der alte Geiselhardt ist kein Geschichtsprofessor, aber deswegen doch ein heller Kopf und die Geschichte seiner Heimat hat ihn schon als Bube lebhaft interessiert. Schon im 12. Jahrhundert wurde Budakeszi gegründet und zwar wurden 20 deutsche Familien vertraglich verpflichtet, den Boden zu bebauen. Harte Notzeiten kamen, die Mongolen und die Türken suchten es heim und um das Jahr 1730 herum kam der schreckliche Feind, der schwarze Tod, die Pest. Beinahe das ganze Dorf starb damals aus und auf den Feldern wuchs das Unkraut. Um 1736 kamen wieder Schwaben in die Gegend der Ofner Berge und ließen sich in den verödeten Dörfern nieder und unter denen, die sich in Budakeszi eine neue Heimat gründeten, war auch ein Sebastian Geiselhardt, der Urgroßvater meines Gastgebers. Seit dieser Zeit sitzen die Geiselhardts in Budakeszi, wo auch am 22. Juli 1846 Jakob Geiselhart geboren wurde. Außer den 35 Joch Grund und einem großen Weingarten hatte der Vater auch noch ein Fuhrgeschäft, kam bis nach Wien und darüber hinaus, und da er viel unterwegs war, mußte der Jakob schon als kleiner Bub fest zupacken. Schon bald übernahm er das elterliche Anwesen, heiratete und die Wiege in seinem Haus wurde nie leer. Aber auch die Scheune füllte sich, und der Sparstrumpf wurde immer länger und länger. Neun Kinder zog er groß, zwei Frauen und zwei Kinder begrub er auf dem Friedhof in Budakeszi, und der jüngste Sohn, der bei den Honvéd diente, fiel auf dem Doberdo. Er baute Häuser für seine Kinder und sogar noch für seine Enkel, denn trotz schwerer Schicksalsschläge hat er nie Not gelitten. Oft hat es ihn gepackt, einmal die Heimat seiner Väter kennen zulernen, aber nie fand er Zeit dazu und jetzt, da er Zeit hätte, ist er doch schon zu alt. Mit 90 Jahren kann man nicht mehr auf eine so weite Reise gehen, selbst dann nicht, wenn man noch so rüstig wie der alte Jakob Geiselhart ist. „Mögens a bisserl mit mir auf'n Friedhof 'naus schaun? Da sehn´s dann glei', daß dees a deutsches Dorf is', denn da liegen ganz wenig Ungarn und andere draußen!“ Es ist ein eigen Ding um einen Dorffriedhof, aber der hier, mitten in den Ofner Bergen, legt sich noch mehr auf das Gemüt. In langen Reihen liegen sie da, die Holl, Kellner, Fischer, Nau, Esterle, Koller, Frankhauser, Gruber, Fliegl, Hofher, Mistl und wie sie alle heißen, die als Pioniere hier gearbeitet haben und der Väter Sitte und Brauch durch die Geschlechter hindurch ehrten und hoch hielten, die der Heimat treu geblieben sind, wenn sie sie auch nur aus den Erzählungen der Großeltern und aus den Liedern kannten, die an langen Winterabenden in der Spinnstube gesungen wurden. Auf dem Rückweg besuchen wir noch einen seiner Enkel, in dessen Wohnstube bereits vier kleine Kinder spielten, die alle dem Ähnl, der für sie kein Urähnl ist, entgegenlaufen; das fünfte liegt noch in der Wiege. „Ja, eine große Nachkommenschaft hab' ich. Passen´s einmal auf: 6 Kinder und 6 Schwiegerkinder macht 12 und 27 Enkel macht 39 und 23 Urenkel macht 62“, sagt der prächtige Alte nicht ohne Stolz. „Wissen´s was mich interessieren tät? Daheim in Deutschland müssen doch jetzt so viele Leut' ihren Ahnen nachgehen, und es wird wohl da und dort noch Geiselhardts geben. Das tät mich freuen, wenn so ein GeiseIhardt schreiben tät, daß wir miteinander verwandt sind.“ Der Abend senkt sich hernieder, und der Abschied von diesen prächtigen Menschen und vor allem von dem 90jährigen wird mir nicht leicht. Zu gerne wäre ich noch länger geblieben, aber es geht nicht. Die Sonne wirft schon lange Schatten, das Boschhorn des Autobusses ruft die langsamen Wanderer, treibt es zur größeren Eile an. In rascher Fahrt geht es der lichterglänzenden Stadt zu. Ich habe dies und jenes in Budapest nicht gesehen und mancher mag sagen, daß ich damit etwas versäumt habe. Der mag für seine Person vielleicht recht haben, aber ich glaube, daß ich diesen Tag beim alten Geiselhardt in Budakeszi besser verwendet habe, als wenn ich stundenlang durch die staubige Stadt gelaufen wäre und vielleicht vor diesem oder jenem imposanten Gebäude zwei Minuten lang Verzückung markiert hätte. Nun möchte ich nur noch eines: daß möglichst viele Träger des Namens Geiselhardt an den prächtigen Alten schreiben. Seine Adresse ist: Jakob Geiselhardt, Budakeszi bei Budapest, Ungarn, Hauptgasse Nr. 149. Das habe ich nämlich noch beim Abschied versprochen und die Geiselhardts in Deutschland werden nicht wollen, daß ich wortbrüchig werde.“
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